ahoy_stories.

kurzgeschichten. zusammen. immer neu. sammlung.

metroland. teil 11b. surfer.

Heute klappt es! Er wird es allen beweisen. Die U-41 ist kein Ding! Mit den anderen zusammen erst abhängen. Saufen. Einen kiffen. Dann raus. Zur Strecke, wo die U-Bahn für drei Kilometer überirdisch fährt. Dann eine Sekunde Überwindung. In der geschwindigkeitsgedrosselten Zone draufspringen. Ganz easy. Das ist doch Kinderkram. Hat er doch schon ganz andere Dinger gedreht, ohne dass was passiert ist, oder ihn einer erwischt hätte. Zu Hause interessiert das sowieso keinen, ob er mal wieder von den Bullen gebracht wird. War es eigentlich jemals anders bei ihm zu Hause? Ja, damals. Als sein Vater noch bei ihm und der Mutter lebte. Da war er so etwa fünf Jahre alt. Er hatte den coolsten Papa in der ganzen Kindergartengruppe. Der hatte seinen eigenen Club, wo Stars und Sternchen ein- und ausgegangen sind. Jedes Mal, wenn er Zeit hatte, und das war ziemlich oft, hat er seinen kleinen Sohn vom Kindergarten abgeholt. Mit der roten Sportkarre. Das Faible für Geschwindigkeit liegt wahrscheinlich in der Familie. Mann, wie seine Freunde da geguckt haben. Das war besser, als der Feuerwehrpapa aus der anderen Gruppe. Seiner war obercool. Dann sind sie meistens zusammen rumgefahren und haben sich irgendwo noch ein fettes Eis gekauft. Aber irgendwann - ganz plötzlich - kam sein Vater nicht mehr zum Kindergarten. Er hatte eine Freundin. Die war gerade 18 geworden und erhoffte sich durch seinen Vater den Zugang zur glitzernden Welt der Stars und Promis. Als sie den Plattenvertrag bekommen hatte, war sie weg. Aber da war die Familie des Mannes, der früher so ein cooler Papa für seinen Sohn gewesen war, schon zerbrochen. Da traute er sich nicht mehr zurück. Sein Club floppte. Jetzt verkauft er Bratwurst, aus einem Wohnwagen nahe der Metrostation, an schweinegesichtige Kundschaft. Die Mutter, tief gekränkt, hatte sich auf einen anderen Mann eingelassen, der sie zum Trinken animierte. Ihr inzwischen halbwüchsiger Sohn war ihr längst entglitten. Gleichgültigkeit angetrunken. Unordentlicher Haushalt. Ständiger Streit mit dem neuen Partner. Der Junge, der früher so einen coolen Papa hatte, hielt es immer weniger zu Hause aus. Flucht in die Ersatzfamilie. Die Clique wird zum Ein und Alles. Dann ging es los. Nach ordentlich Alk und ein bisschen Kiffe fühlte er sich auch gleich irgendwie größer. Noch dazu ausgesprochen anziehend für seine neue Schnecke. Sie wollte sogar mitkommen. Sich das ganze von unten ansehen. Zwei weitere Freunde kommen mit. Direkt auf den Zug. Einer klettert mit, einer filmt. Der Junge, der mal so einen tollen und coolen Papa hatte, findet keinen festen Halt. Den Fahrtsturm im Gesicht. Die Dachkante ist nass und seifig. Er versucht den Stand zu festigen. Rutscht. Fällt. Entsetzte Schreie. Gleisbett. Ein steiniges, nasskaltes Bett. Das Genick ist sofort zerbrochen. Er hat keine Chance.

…part 12 soon…

MACAFRAMA SF

metroland. teil 10b/11a

Die irrsinnigen Kinder zur Seite geschubst. Eins fällt einfach so um. Schaukelt am Boden. Die Mutter ruft: „Don’t be a promise breaker! Be a history maker! Im Namen Jesu, du wirst uns nicht hindern, unsere Botschaft zu predigen!“

What can wash away my sin?
Nothing but the blood of Jesus;
What can make me whole again?
Nothing but the blood of Jesus.
Refrain
Oh! precious is the flow
That makes me white as snow;
No other fount I know,
Nothing but the blood of Jesus.
For my pardon, this I see,
Nothing but the blood of Jesus;
For my cleansing this my plea,
Nothing but the blood of Jesus.
Refrain
Nothing can for sin atone,
Nothing but the blood of Jesus;
Naught of good that I have done,
Nothing but the blood of Jesus.
Refrain
This is all my hope and peace,
Nothing but the blood of Jesus;
This is all my righteousness,
Nothing but the blood of Jesus.
Refrain
Now by this I’ll overcome—
Nothing but the blood of Jesus,
Now by this I’ll reach my home—
Nothing but the blood of Jesus.
Refrain
Glory! Glory! This I sing—
Nothing but the blood of Jesus,
All my praise for this I bring—
Nothing but the blood of Jesus.
Refrain


Gibt es eigentlich nur noch Bekloppte und Wahnsinnige? Sammelbecken! Für psychopatischen Auswurf. Diese Stadt. Vorallem darunter. Jetzt muss ich aber. Rennen! Linie Zwei. Die wartet nicht auf mich. Wartet auf keinen. Steht schon da. Mit aufgerissenem Schnabel. Reingefressen! Ich drück mich in die hinterletzte Ecke. Nur kurz mal durchatmen. Wenn ich jetzt drei Stationen Rot fahre, komme ich zum Knotenpunkt. Gehen sie über Ziel und ziehen Sie keine viertausend Euro ein. Das wird super. Freu mich. Mulmig, im Bauch, ist mir aber auch. Bildschirm an der Decke. Die Laufschrift schreit mich an. Stets versorgt mit neuesten Katastrophen. Nur ja nichts verpassen! Immer am Puls der Zeit, oder so. Scheiß Beschallung! Dauernd. Wenn dann mal Ruhe ist: Blitze vor den Augen. Berieselungsentzug. Einschlafstörungen. Unruhe. Bin schon mein eigenes Wackelbild!
„U-BAHN SURFER (18) LETZTE NACHT TÖDLICH VERUNGLÜCKT!“
Ich sehe. Bilder von wackeliger Handykamera aufgenommen. Dann Fernsehbilder von Rettungsteams. Und Feuerwehr. Flackern auf dem Bildschirm. Schnelle Bildfolge. Drei Jugendliche stehen auf dem Dach der fahrenden U41. Springen herum. Der Junge hinten filmt den Koller. Dann der Sturz des 18-Jährigen.
„ER HATTE KEINE CHANCE!“
Krass! So schnell kann’s vorbei sein. Matsch. Alles was übrigbleibt. Wie kommt man auch auf so eine bescheuerte Idee? Sich an die fahrende Bahn zu hängen. War wohl Schicksal. Sollte wohl so sein. Ich hätte zuviel Schiss! Auf jeden Fall. War das jetzt Mut? Oder Übermut? Naja, wenigstens hatte der noch ein Abenteuer. Vor dem Tod. „Live fast, love hard, die young!”  Kennen wir ja schon. Ich bin nicht so mutig. Ich leb lieber langweilig. Manchmal ein bisschen Fixie fahren. Im starren Gang über rote Ampeln. Das ist auch schon Nervenkitzel. Macaframamäßig . Mehr nicht. Kann trotzdem viel passieren. Bis jetzt ist nix passiert. Nur einmal hingeflogen bisher. Schramme! Schon verheilt. Die ist nicht mal ne richtige Narbe geworden.

…part 11b soon…

metroland. teil 10a. fanatic.

Der Platz bleibt hinter mir. Die Metroschlucht schwarzblau vor mir. Wieder abwärts. Diesmal mit überdimensionalem Förderband. Unten angekommen. Erstmal orientieren. Wo bin ich nochmal? Wo ist der Metroplan? Welches Gleis? Konzentration! Wo bist du? Schatten hasten vorbei. Hinter mir - alles schwarz. Vor mir – der Plan. Zusammenreißen! Also: Sie will gefunden werden. Warum? Weil sie mich mag. Ich mag sie auch. Sehr. Sie hat noch was von mir. Was? Keine Ahnung. Dann noch diese doofen Tauben. „Dort wo die Tauben fliegen.“ Hochtrabender geht’s wohl nicht? Wo könnte das sein? Verdammt! Labyrinth aus Linien und Nummern. Verschwimmendes Gewirr. Eine rote, eine blaue, eine schwarze Linie… Jetzt weiß ich’s! Das kann dort sein. Wo die Bahn nicht immer hält. Eine vor der Endstation. Mein Lieblingsplatz! Dunkel. Tiefhängend gewölbte Decken. Fliesen mit haarfeinen Rissen überzogen. Manche fehlen ganz. Gelb war die Wand vielleicht vor dreißig Jahren. Jetzt Mauern überzogen von fettigem Ruß. Es riecht nach Öl, Taubenscheiße und Abfall, Pisse auch. Bin irgendwie gern dort. Erleb die Ruhe. Kann die Tauben beobachten. Die sind immer dort. Können nicht mehr raus. Haben sich verflogen. Endstation Tunnelschacht. Sehen aus wie labbrige schwarze Marionetten. Gezogen an Fäden von unsichtbarer Hand. Die haben sich ihrem Schicksal ergeben. Dort muss sie also sein! Woher kennt die das? Ich hab endlich ein Ziel. Mein Lieblingsplatz. Der Knotenpunkt. Rot, Blau und Schwarz. Natürlich. Sie ist Rot wie Blut, Schwarz wie Teer, Blau wie der Himmel gespiegelt im Meer. Alle drei Linien - kreuzen sich genau dort. Mein Kopf kocht. Summen in den Ohren. 1234567890! Also hier fährt Linie Zwei - Rot. Werd schon ruhiger. Hab das Rätsel doch gelöst. Schlauberger! Los, los! Dreh mich um. Da steht jemand. Ganz plötzlich! Vor mir. Die versperrt mir den Weg. Diese große, dürre Frau. Mit giftigen Augen. Starrt mich an. Graues Haar. Graues Gesicht. Hinter ihr verschanzt - drei Kinder. Gucken wie geprügelte Hunde. Die fasst mich an. Ihre abgestumpften Finger an meiner Wange. Ich versteinere. Sie hebt die Arme. Graubraune, kratzige Wollmantelflügel.


„Ich sehe den Teufel in deinen Augen! Wir kämpfen für eine Regierung der Gerechten. Im Namen Jesu. Wir zerstören die Ungläubigen! Wir lassen den Herrn den heiligen Geist über uns bringen. Die Sünde startet klein und wächst bedrohlich an. Du bist ungläubiger Müll!“

redet sie los. Ferngesteuert. Bin unfähig mich zu bewegen. Glotz zurück. Faszinierend. Der personifizierte Wahnsinn. Sie ist sich ganz sicher, dass ich der verdammte Antichrist bin. Lustig. Vor der Ollen hab ich keine Angst. Die Hündchenkinder tun mir nur leid. Kleine Gespenster.

„Süßigkeiten machen dich krank, der heilige Geist ist gutes Fleisch es heilt dich!“  flüstern sie. Die Mutter, das kann nur die Mutter sein, schubst sie jetzt nach vorn.
„Leben im Namen Jesu! Satan im Namen Jesu lass ab von ihm!“ 

rufen sie in mein Ohr. Greifen mir dabei ins Gesicht. Ich riech den Weihrauch und ungewaschene Haut. Mir wird schlecht! Werd noch ganz taub! Was ist hier los? Ich dreh durch! Heute noch. Wenn ich nicht sofort

         hier
abhaue!

foto: danilo barsch

Sie haben Gott vertraut, als der ihnen sagte, dass nur er allein die Welt retten könne. Sie sind heute mit der Mutter mitgegangen, um gottesleugnerische Menschen zu finden. Ungläubigen Müll. Unter der Stadt, wo sich der Abschaum sammelt. Mutter hat immer dafür gesorgt, dass sie zu Hause die beste Erziehung und den unschädlichsten Unterricht für ihr Leben erhalten. Die Lehre von Gott und Jesus dem Erlöser. Die Geschichte der Entstehung der Erde und des Menschen. Die Schöpfungslehre. Sie wurden unterrichtet, die Evolutionstheorie als das zu erkennen, was sie ist: Ein Lügenkonstrukt der ungläubigen. Gott schuf den Menschen. Dieser aß vom Baum der Erkenntnis und alles endete in Sünde und Tod. Die globale Erwärmung? Nur ein Hirngespinst der Politik. Es macht keinen Unterschied ob die Sommer nun 0,6 Grad wärmer sind als noch in den Jahren zuvor. Sie werden sowieso nicht mehr lange hier sein müssen. Sie werden bald mit Jesus gehen. Jesus kommt, um sie zu erretten! Die Bibel ist ihr höchstes Gebot. Sie sind schon einmal errettet worden. Gott rief sie, um Krieger zu werden. Das ist nun schon drei Jahre her. Damals im Bibelcamp der evangelikalen Christen. Kinder- und Jugendlager am Teufelssee. Mutter fuhr mit ihnen für drei Tage an diesen Ort der Erleuchtung und des gelebten Glaubens. Hallelujah! Die Pastorin hat Spaß gemacht. Sie hat mit den Kindern gesungen, hat mit ihnen getanzt. Dann hat sie gesagt, dass es nur zwei Gruppen von Menschen gibt. Die einen, die Jesus lieben und die anderen, die ihn nicht lieben. Außerdem sagte sie, würden viele von den jesusliebenden Kindern in der Schule verspottet, doch, was der Mensch sagt, ist vollkommen unwichtig. Heute wissen die Kinder: Gottes Entscheidung allein ist das, was zählt! Auch wenn die anderen in der Schule denken, dass diese Kinder seltsam sind. Egal! Denn die Ungläubigen werden nicht entscheiden, ob sie eines Tages in die Hölle oder in den Himmel kommen. Nur was ER von ihnen hält zählt. Die Pastorin hatte sie weiterhin gefragt: „Tell me who’s in the house?“ Darauf wussten  alle Kinder die Antwort “J.C.!“ Gott war es auch, der wollte dass sie heute zusammen, als Familie, zu diesem Jungen hingehen. Sie müssen besonders darauf achten, dass sie es auch nur für Gott machen. Sie müssen wirklich noch an sich arbeiten. Doch auch andere machen diesen Fehler schon mal. Sie sollen dem Jungen sagen, dass Gott bei ihm ist. Gott will, dass der Junge ihm mit ganzem Herzen folgt. Und sie müssen ihm mitteilen, dass der Herr ganz besondere Pläne mit ihm hat. Sie werden lange dankbar an diesen Tag zurückdenken. Denn auch wenn der ketzerische junge Mann heute aggressiv und verwirrt reagiert, so wird doch eines Tages die Stunde für die Rechtschaffenden schlagen. Sie werden errettet! Sie sind die Generation der Reinheit, Ehrenhaftigkeit und Heiligkeit. Sie sind der Schlüssel für Jesus´ baldige Rückkehr. Sie werden dem Herrn jeden Tag dienen. Sie werden im heiligen Krieg, im Namen Jesu, als Märtyrer sterben. Für eine bessere Welt. Denn als Kinder sind sie lediglich eine Leihgabe Gottes und ihre Mutter wird sich vor Gott für die Erziehung ihrer Kinder verantworten müssen.

„Und aus den Mündern der Kleinsten wird das Lob des Herrn kommen, dass die Feinde verstummen lässt!“

(alle Zitate)

…part 10b soon…

metroland. teil 9b.

foto: danilo barsch

Erstmal finden. Ein rotes Rotkehlchen. Mit blau und schwarz. Kann doch nich so schwer sein. Sie im graumatschigen Rest aufgabeln. Draußen wird’s schon wieder dunkel. Herausgeputztes Dunkel. Voll mit Glitzern und Blinkern. Leuchtschriften. Versprechen dir alles. Schnelles Geld. Handyflatrate. Medizin. Haushaltwaren. Oder einfach nur Sex. Renn vorbei am „Hotel Eros“. Maroder grauer Klotz. Buntrote Fester. Frauen. In Strapsen. In Hasenkostümen. Ein Weihnachtskalender der Begierde. Hinter jeder Tür eine andere Überraschung. Eine für jede Neigung. Für jeden absurden Trieb. Da kommt die lange Blonde. Zigarette. Lackstiefel. Ein Rock, der keiner ist. Gürtel. Strumpfhose mit Laufmaschen. Die darf nichtmal drinnen arbeiten. Ganz unten angekommen in der Rangordnung. Vielleicht komm ich weg! Bevor die mich anlabert. „Hey Kleiner! Möchtest du mal was riskieren. Mal richtig genießen?“ Komm doch nicht weg! Was soll ich jetzt sagen? „Nein, lass ma!“ oder „Danke für das verlockende Angebot, aber ich hab schon ein Date!“ Ich tu so, als hätt ich nix gehört. Beschleunige den Schritt. Trab heißt das bei Pferden. Das kommt als zweite Gangart. „Hey Süßer. Warte doch ma!“ schreit die Nutte. Jetzt mach ich Galopp. Ich weiß doch sowieso nicht, was ich sagen soll.

Gelenke

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Am Anfang hat sie noch gedacht, alles wird gut. Schon nach einer Woche war sie sich sicher, dass nichts wieder gut werden würde. „Komm mit zu mir, in mein Land“, hat er sie gebeten. „Dort kannst du arbeiten und viel Geld verdienen, das schickst du dann Heim zu deiner Familie“. Sie ist mitgegangen. Das war vor zwei Jahren. Jetzt ist sie Neunzehn. Sie trägt obszöne Wäsche, presst ihre Füße in Dreizehn-Zentimeter-Absatzstiefel aus porösem Lack, raucht achtunddreißig Zigaretten am Tag und arbeitet für ihn. Er nennt sie sein „bestes Pferd im Stall“ und das Haus sein „Etablissement mit besonderem Service“. Andere nennen es einfach Puff. Sieben Tage die Woche. Sonntagvormittag hat sie frei. Dann träumt sie sich zurück in die behüteten aber sehr ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs. Vater Schichtarbeiter. Mutter Verkäuferin zweimal in der Woche. Ständige Geldnot. Ständiges Geschwätz der Leute, wenn sie sich draußen auf der Straße mit Männern zeigte. Schlampe hieß es. Sie war keine Schlampe. Jetzt, erst hier, ist sie zu einer geworden. Dieser Mann wurde ihr schließlich zum Verhängnis. Anfangs präsentierte er sich ihr gegenüber zuvorkommend und großzügig. Verführerische Aussichten ihr ausmalend. Später die übereilte Abreise. Nichts war sicher und geplant. Sie musste mit. Zu Beginn wollte sie sogar. Ihren kleinen Sohn, den sie mit sechzehn bekommen hat, musste sie bei ihren Eltern lassen. Die Sehnsucht nach ihrem Kind, ihrem kleinen und blassschnäbeligen Jungen, belastet ihr täglich schwer das Herz. Als ob einer mit voller Kraft ihren Brustkorb zusammendrückte. Täglich klammert sie sich an den Gedanken, ihr Kind einmal wiedersehen zu können. Wenn er sie nur gehen ließe. Irgendwann. Er behauptet, dass sie Schulden bei ihm abzahlen müsse. Die Höflichkeit der ersten Begegnungen ist wie weggeblasen. Ihre Einreise habe er nur durch „Sonderausgaben“ möglich machen können. Auch Unterkunft und Verpflegung stellt er ihr hoch in Rechnung. Da sie kein gültiges Visum besitzt, kann sie auch nicht weg von ihm. Nirgendwo anders arbeiten oder Hilfe erhalten. Heute ist es besonders schlimm. Die Nachtkälte kriecht jetzt unaufhaltsam in ihr ungeheiztes Zimmerchen. Tagsüber steht sie sowieso auf dem zugigen Metrovorplatz, um Männer anzusprechen. Ihre Schuhe lassen das nasskalte Wetter herein. Der Spätherbstwind zerrt an ihren künstlich blonden Haaren. Seit einigen Wochen schon quält sie sich mit unterschiedlichen Symptomen. Hautjucken. Übelkeit. Müdigkeit. Gliederschmerzen. Einen Arzt hat sie hier nicht. Den blonden Jungen wird sie ansprechen. Mit ihm könnte sich ihre tägliche Aufgabe sogar einmal etwas weniger eklig anfühlen. Der Ekel innen drin aber, der geht nie mehr weg.

…part 10 soon…

metroland. teil 9a. the bunny girl.

Schieb mich durch den Zug. Rein in neue Menschenhaufen. Im anderen Wagen. Es ist ruhig. Mein Kopf brummt. Murmelt unverständliches. Gaaaanz ruhig! 1-2-3-4-5-6-7-8-9-0. Schon besser! Ich zähl mich ruhig. Nur noch zwei Stationen. Dann raus. Hoch. Quer über den großen Platz. laufen. Wieder runter. U-Bahn Zwei. Mit dem Förderband bis ganz nach unten fahren. Noch zwei andere Förderbänder runter. Dann einsteigen. Weiter geht’s. Robin ist bestimmt dort. Im untersten Tunnel. Kann mir denken, sie weiß, dass ich Tunnel liebe. Woher weiß die nur immer alles. Vielleicht war ein Gedankenschnipsel drüber im Postpaket? Jetzt aussteigen. Türmaul auf. Fastboy raus. Alle müssen wohl hier aussteigen. Ich werd mal wieder total eingequetscht. Spüre Ellenbogen, Schirme, Taschen, Haare, einen Fahrradlenker. Auf der Rolltreppe nach oben überleg ich mir schonmal erste Worte. Was sagt man so? Wenn man sich zum ersten Mal wirklich gegenübersteht?

„Hallo Fremde Schönheit!“

Sowas würde der Held im Schwarz-Weiß-Hollywoodschinken bestimmt raushauen. Oder

“Du weißt wer ich bin … die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft.“ 

Nee, so macht das nur Spiderman. Sie antwortet dann total Frühstück-bei-Tiffany-mäßig:

„Ich liebe dich, und du gehörst zu mir.“

Und ich darauf:

„Nein. Kein Mensch gehört einem Menschen…Da irrst du dich, Holly…Ich werde mich von keinem einsperren lassen.“

Und dann Robin wieder:

„Einsperren will ich dich nicht, ich will dich lieben.“

Darauf wieder ich:

„Das ist dasselbe.“ 

Naja, so oder so ähnlich wird’s schon ablaufen. Vielleicht ist sie in echt auch total doof. Und schwierig. Wie manchmal. Beim Chat.

…part 9b soon…

metroland. teil 8. rotes wattemaedchen.

Schon wieder warten. Nehme nochmal die selbe Bahn. Nur eine später. Die Metro naht wie ein Unwetter. Erst leises Vibrieren. Lauter werdendes Grollen. Dann Zuggewitter. Rostiger Blitz.

Ich steig ein. Schon wieder kein Sitzplatz. Das nervt! An meinem Rücken ein Rücken. Ist nicht mein Rücken. Ist ein Mädchenrücken diesmal. Spüre lange Ringelhaare im Nacken. Die riechen nach der Wiese mit diesen gelben Blumen drauf. Rote Haare. Offen. Ihr eierschalenweißes Gesicht abgewandt, gesprenkelt. Orangerote Pigmentfleckchen draufgestreut. Auf Nase und Wangen. Dreh mich mal mehr zu Ihr hin. Die fühlt sich weich an. Die ganzen Haare an mir dran. Und diese Wuschelsachen. Pullover. Schal. Kleid drunter. Sonnenfarben mit blau. Jetzt guckt die mich an. Rotes Wattemädchen. Was macht die? Ist das etwa Anmache? Ein Minilächeln. OH MANN! Mein Kopf spinnt! Mal wieder! Will nur mal in diese federweichen Haare fassen. Nicht zu fest ziehen. Nur noch ein Bisschen. „AUA, Mensch!“ Schreit die da. Ihre flache Hand klatscht. In mein Gesicht. Ich weich zurück. Eine Mäusefalle. Fastboyfalle. Zugeschnappt! Als ob sie nur drauf gewartet hat. Grund gesucht hat, zuzuschlagen. Ich will weg. Außerhalb ihrer Reichweite sein.

foto: danilo barsch

Rotes Wattemädchen ist gut drauf. Heute wird sie Daddys Beziehung zerstören. Zu lange geht das schon gut mit dieser neuen Frau. Wattemädchen bekommt immer Ihren Willen. Gefördert, gefordert, verhätschelt. Unterschätzt! Mit fünf schon in der Bildungseinrichtung für Hochbegabte. IQ 147. Es kotzt sie an! Sie will nicht studieren. Sie will nicht brav sein. Sie nutzt ihre Intelligenz anders. Sie will Geld! Das ist alles. Sollen andere sich doch den Buckel abarbeiten. Plagen fürs Überleben? Niemals! Sie kann es anders beschaffen. Der Drill auf Perfektion hat sie verdorben. Ihr Dad ist viel zu gutmütig, seit ihre Mom in der Nervenklinik ist. Er hat immer nur für sie gearbeitet. Selber schuld. Schauspielern ist eine ihrer großen Stärken. Andere für sich rennen lassen. Weinen. Lächeln. Entzückend sein. Rotlöckchen. Hat immer bekommen was sie wollte. Jetzt muss sie nur noch Dads Liebchen aus dem Weg schaffen. Die nimmt ihr sonst alles weg. An der Kirche der Gerechten aussteigen. Zu ihrer kleinen Studentenwohnung hingehen. Ihr, in der Miniküche stehend, sagen dass Daddylein nie mehr kommt. Ihr die verschwommene Aufnahme zeigen, auf der er ihre Mom küsst. Die wird nicht erkennen, dass diese Fotografie vier Jahre alt ist. Das wäre ja noch schöner. Am Ende kriegt die neue Flamme noch alles. Aufmerksamkeit, Geld, Geschenke. Rotes Wattemädchen kann das nicht aufgeben. Sie hat ihren Vater in der Hand. Seit ihrem gestellten Schwächeanfall von neulich hat er’s wohl kapiert. Nun macht er sich Sorgen. Um sie. Er denkt, sie ertrüge es nicht, dass er nicht mehr mit ihrer Mom zusammenlebt. Dass sie keine kleine fröhliche Familie wie aus dem Versandhauskatalog mehr sind. Sie ist schon ein wahres Sensibelchen. Könnte man denken. Dabei ist ihr ihre Mom so egal. Diese Tabletten fressende Schlampe! Lässt ihre Familie einfach im Stich. Rotlöckchen war ihr doch schon immer gleich. Und jetzt muss sie auch noch U-Bahn fahren. Genauso wie all diese stinkenden, unflätigen Menschen. Das macht sie auch nicht wieder. Dass diese Kuh auch in einer so scheußlichen Ecke wohnt. Was ist hier los? Wieso glotzt sie dieser Typ so an? Ach, er will ihr bezauberndes Lächeln sehen? Kann er haben. Da grabscht er ihr plötzlich mit seinen Dreckspfoten in die frischgewaschenen Haare. Ohrfeige. Mit ihr doch nicht. Dieser kleine Perverse. Da rennt er schon weg. Schwächling! Genauso wie ihr Dad.

…part 9 soon…

Metroland. Teil 7b

foto: danilo barsch

Er hatte sich sonst immer einigermaßen im Griff. Heute läuft alles aus dem Ruder. Es ist die siebte Woche. Plus dreieinhalb Tage. Ohne Schlaf. Die Schlafstörungen sind solange unbedenklich, sagt sein Arzt, wie sie keine Auswirkungen auf sein alltägliches Leben haben. Das hat bis jetzt einigermaßen gut geklappt. Der Vormittagsdienst war zwar seit langem eine Qual, aber auszuhalten. Seine nachmittäglichen Wahnvorstellungen und Absenzen hat niemand bemerkt. Wer auch? Seine Wandlung zum Zombie fing damit an, dass er nachts öfter aufwachte, als sonst. Er hat dann das ungewisse Gefühl, nicht allein zu sein in seinem Schlafzimmer. Verängstigt hat er immerwieder nachts das Licht brennen lassen. Fernseher half auch. Die Angst von vornherein ausschließen. Manchmal schlief er dann fest und kurz. Bisweilen wachte er erschrocken auf und bemerkte, dass er ein ganzes Stück gegangen war. Zum Kühlschrank. Zur Wohnungstür. Zum Klo. Im Schlaf. Einmal fand er sich mit runtergelassener Hose pinkelnd vor seiner Lieblingstopfpflanze wieder. Das Weckerklingeln morgens, ein Krampf. Eine Erlösung aber irgendwie auch. Die Kollegen haben ihn manchmal gefragt, was denn los sei. Er hat immer gut ablenken können. Hat platte Ausreden für seinen elenden Zustand erfunden. So richtig interessiert hat es sowieso niemanden. Heute geht nichts mehr. Anziehen nicht. Essen nicht. Arbeiten nur geradeso, irgendwie. Er weiß, dass er heute Abend sowieso keinen Job mehr haben wird. Der Chef hatte sowas angedeutet, bei der Versammlung letzten Donnerstag. „Wenn das mit Ihnen so weitergeht, werter Kollege, dann müssen wir uns wohl oder übel von Ihnen trennen.“ Alkoholproblem! Das wollen viele hinter vorgehaltener Hand wissen. Dass er heute Nacht versehentlich seine Katze erstochen hat, das weiß niemand. Die Fahrgäste weichen vor ihm zurück. Wenn es nicht so furchtbar wäre, dann wäre es richtig lustig. Zombiefahrkartenkontrolleur. Ins Video zu „Thriller“  würde er jetzt prima reinpassen. Nur noch dieser Zug. Dann hat er es geschafft. Für heute. Für immer. Der Junge da. Der ist der Nächste auf seiner Route. Durch den grell erleuchteten Wagen. Das Licht brennt in seinen Augen. „Fahrkarte bitte!“ bekommt er gerade so herausgepresst. Da wird er schon gestoßen. Fällt schlaff zu Boden. Am liebsten würde er gleich liegen bleiben. Leute helfen ihm auf. Wenn er dann heute Abend gefeuert ist wird er sich schlafen legen. Er hat einen Plan. Das Mittel hat er aufgespart. Drei Packungen schon beisammen. Der Arzt sagt „Wenn es gar nicht anders geht eine Halbe am Abend. Aber nie in Verbindung mit Alkohol!“. Er wird sie alle auf einmal nehmen. Bitterer Staub im Mund. Mit Rotwein runterspülen. Dann endlich schlafen! Für immer!

…part 8 soon…

Metroland. Teil 7a: Zombiekontrolleur

Scheiße! Auch das noch! Fahrkartenkontrolleur auf halb sieben. Hab kein Ticket. Hab nie eins. Seit meine Monetentasche weg ist. Vorher eigentlich auch nie. Wurschtel mich unter oder übers Drehkreuz. Ruhig bleiben! Vielleicht kann ich nächste fix raus. Bevor der zu mir kommt. Der wirkt fertig. Als würde der sowieso gleich einpennen. Zombie. Wie in „Thriller“. Zombiefahrkartenkontrolleur. Klar. Auch Zombies brauchen einen Job. Die Jacke sieht schäbig aus. Fehlender Knopf. Die Haare von Zombiefahrkartenkontrolleur stehen ungeregelt zu allen Seiten. Der hat sich mit nem Blitzknaller gekämmt. Jetzt fang ich wieder an zu zählen. Drei Zu-Kontrollierende noch vor mir. Zombiemann latscht hier auf Socken rum. Zwei noch vor mir. Wie redet denn der? Lallt. Wie in Trance. Gruftstimme. Riecht nach Mottenkugeln. Einer noch vor mir. Die U-Bahn fährt jetzt Schneckentempo. Der Riecht wie Oma Ilses Kleiderschrank. So irgendwie. Sympathisch verrottet. Zombiefahrkartenkontrolleur guckt mich an. Die Bremsen leisten ihren Dienst. In schwarzen Löchern liegen zwei bewölkte Augen. Der Zug steht jetzt. Tür ist noch zu. „Fahrkarte bitte!“ grunzt Zombiemann. Tür schiebt sich in gefühlter Zeitlupe auseinander. Wie früher die zur Geisterbahn. Ähnlich heute. Verfolgt von einem Untoten. „Kann Fastboy entkommen?“ Klaro! Ich kann! Schmeiß mich mit voller Wucht gegen Zombiefahrkartenkontrolleur. Der fliegt weg. Wie ein Sack voll Müll. Bleibt liegen. Türmaul auf. Fastboy raus. Seh noch wie Leute dem Zombiemann aufhelfen. Glück gehabt. Der hätte mich zum Dessert gefressen. Sicherlich. „Fastboypudding! Hmmmh, lecker! Wie von Muttern!“

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…part 7b soon…

Metroland. Teil 6b

foto: danilo barsch

Er hat ein großes Problem. Er liebt. Er liebt sie beide. Kleiderbügelschultermann liebt die zierliche schwarzhaarige Studentin fast genauso innig wie Rotlöckchen. So hat er sie jedenfalls genannt, als sie noch klein war. Daddys Liebling. Die schwarzhaarige Studentin gibt ihm das Gefühl frei zu sein. Wieder jung und ungebunden. Mit ihr kann er sich alles vorstellen. Die wahnsinnigsten Dinge. Auch im Bett offenbart sie ihm Funkelnagelneues. So hat er sich noch nicht erlebt. Voller Feuer und Lebendigkeit. Seit Ewigkeiten fühlt er sich nicht so vorhanden. Rotlöckchen ist ein intelligentes Mädchen. Zu intelligent fast, findet er. Sie hat schon immer gewusst, wie sie ihren Willen bekommt. Hasimausipuschilein. Das Institut war seine beste Entscheidung. Dort wird sie fachgemäß gefördert. Ihren Befähigungen entsprechend. Aber was die Sache mit der Studentin angeht, da ist sie wieder Kind. Sein kleines unschuldiges Kind. Es war hart für sie, als ihre geliebte Mutter in die Klinik kam. Irgendwann ging nichts mehr. Die Ehe - nur noch eine Posse. Sein Rotlöckchen leidet sehr darunter. Es ist zwar schon eine Weile her, aber sie hat schwer zu kämpfen mit dem Verlust Ihrer Mutter. Mit der schwarzhaarigen Studentin hat sie ein Problem. Sie denkt, er wolle ihre Mutter ersetzen. Vergessen machen. Einfach austauschen. Doch das ist nicht so. Er liebt sie! Wenn sie doch nur verstehen würde. Doch seinem Rotlöckchen wird alles zu viel. Sie ist jedes Mal den Tränen nahe, wenn sie ihn mit der neuen Frau sieht. Ihren Schwächeanfall neulich hat er zu verantworten. Er ist Schuld an ihrem Versagen im Institut. Sie ist doch seine wertvollste Kostbarkeit. Sein größter Schatz. Heute wird er es beenden müssen. Die Liaison kann nicht gewichtiger werden als das eigene Fleisch und Blut. So darf es nicht weitergehen. Er wird, in der Miniküche der Studentin stehend, ihr offenbaren, dass ihm die Tochter wichtiger ist. Wichtiger als die frische Beziehung. Sie wird sicher weinen. Er hat auch geweint. Gestern. Zum ersten Mal seit Jahren. Doch er ist sich sicher, die richtige Entscheidung zu treffen. Für sein Mädchen.

…part 7 soon…

Metroland. Teil 6a: Kleiderbuegelmann

Muss mal! Kurz Luft holen. Waschraum. Reinigungsgelegenheit. Klo. Aufmerksamkeit wird weniger. Gedanken unfassbar. Das ist wie glitschige Seife mit nassen Fingern aufheben. Naseputzen mit Klopapier. Was wollte ich hier? Ach ja: Doping. Mein ADHS ist nicht, wie gewöhnlich, in der Pubertät verschwunden. Hans- Guck-in-die-Luft. Immernoch. Normalerweise manchmal. Gerade wenn es wichtig ist oft. Eine Aufgabe lösen - unwahrscheinlich. Klare Gedanken fassen - undenkbar. Dann kommt die Medizin ins Spiel. Nach zwanzig Minuten: klar im Kopf. Dopamintransporter blockiert. Den ganzen Tag kein Hunger mehr. Dafür Konzentration. Das geht schon mal klar. Sie muss irgendwo hier sein. Haben oft drüber geschrieben. Übers Abtauchen. Wie Flipper! Einfach unter die Stadt. Hier ist man nicht allein. Zusammen fieberhaft. Reizüberflutet. Menschen wie Ameisen. Raus. Weitersuchen.

Linie Sieben kommt. Guckt bedrohlich. Ich werd mal wieder verschluckt. Drinnen ist’s voll. Stehen. Wie beim Schlussverkauf. So komm ich mir vor. Ich riech den Schweiß. Die Angst eines Jeden. Angespannte Gesichter. Irgendwie ausdruckslos. Der Mann da. Sitzt am Fenster. Sitzriese. Eingequetscht neben einem fetten anderen Mann. Sitzriese guckt ausnehmend hohl. Tasche an sich gepresst. Wie ein Kind, das den Lieblingsteddy quetscht. Augen aufgerissen. Starr vor Angst. Kleiner blondgrauhalbglatziger Kopf auf breiten Schultern. Als ob der noch den Kleiderbügel in der Jacke hätte. Der heult doch. Memme! Vielleicht auf Arbeit rausgeflogen. Obwohl, die Klamotten sehen eher nach Freizeit aus.
Vielleicht hat die Lieblingsfußballmannschaft verloren. Kriecht fast in seine Tasche rein. Möglicherweise ist auch wer gestorben. Der sieht aus als wenn einer an ihm zerrt. Innerer Konflikt heißt das, glaub ich. Der Kopf fliegt hin und her. Vielleicht ne Zwangsstörung. Muss wohl auch immer innerlich zählen oder so was. Wie neulich im Fernsehen. Da war eine. Die hat auch immer zählen müssen. So innerlich. Siebzig mal. Dann konnte sie sich erst setzen. Oder reden. Oder essen. Oder loslaufen. Oder, oder, oder. Kenn ich ja selber. Manchmal hilft das. Ich zähl die Sekunden. Manchmal, wenn es ganz schlimm ist. Sekunden bis ich sie treffen kann. Ungefähr 123408 Sekunden seit dem letzten Chat. Ich guck wieder rüber. Jetzt ein kurzes Nicken vom Kleiderbügelschultermann. Es scheint entschieden. Ja! Ja? Wozu? Er zieht laut Rotz in der Nase hoch. Ich denk an Nasennebenhöhlenvereiterung. Jetzt sieht er entschlossen aus. Hüpft hoch wie „Jack in the Box“. Hab mich genauso doll erschrocken, wie es sich gehört.

…part 6b soon…

Metroland. Teil 5: Cyborg

Sie denkt, dass sie neunzehn Jahre alt ist. Aber wer weiß sowas schon genau. Eingepflanzte Erinnerungen. Gedächtnisplatine. Sie ist ein Hyper-Cyborg der dritten Art. Die menschliche Maschine. Cybernetic Organism. Sie weiß es, seit sie die Maschinen im Haushalt reden hört. Sie braucht ein Upgrade. Technischen Support. Jetzt. Miniprozessoren, Sensoren unter menschlicher Haut. Kaltes, hartes Fleisch. Birth. Education. Sex. Work. Aging. Death. Sechs Stufen, die ihr das menschliche Leben näher bringen. Einheit „Work“ ist beschädigt. System Error. Sie kann so nicht mehr arbeiten. Dienstmädchenaufgaben machen. Sie ist sich sicher, das neueste Modell der “Perfect-Home“ Serie zu sein. Ihre Eltern sind Techniker, Computerspezialisten, Biochemiker, Kybernetiker. Zusammengebaut in Japan. Versandt vor 18 Jahren an das Ehepaar. Diese soll sie Eltern nennen. Die Elterneinheit spielt ihr Spiel überzeugend. Sie sind nicht ihre Macher. Sie sei zwar adoptiert, aber niemals ein Cyborg, behaupten sie. Leichte Aufgaben im Haushalt könne sie schon erledigen. Wenn sie nachts im Ruhezustand ist kann sie den Herzschrittmacher der Vatereinheit aus dem Nebenraum rufen hören. Defekt. Defekt. Du bist defekt.
„Ich bin defekt. Kann nicht arbeiten, lieber Fahrkartenroboter. Ich muss raus aus dieser Menschenwelt. Die Work-Einheit ersetzen lassen. Heimcomputer und Staubsaugerroboter raten mir zur Flucht in die weitentfernte Werkshalle meiner Entstehung. Ich will den technischen Support sprechen. Weißt du wo ich ihn finde? Hallo? Du bist doch auch in Japan produziert. Zumindest dein Innenleben. Was sagst du? Hallo? Ja, ich spreche mit dir. Meine Arbeits-Einheit ist defekt. Ich muss zurückgeschickt werden. Du, Automat kennst du dich aus mit Fernreisen? Was? Ich verstehe deinen Dialekt so schlecht…Flughafen? Ja? Gut. Ich versuche es dort noch mal.“
Fahrkartenautomat gibt gern Auskunft. Er selbst ist zu solchen Unternehmungen nicht in der Lage. Verankert im Boden ist er gezwungen täglich die selben Aufgaben zu verrichten. Sklave der Metrostation. Fahrtrouten berechnen. Karten drucken. Geld einnehmen. Dann, abends, die großen Hände des Metrobeamten, die sich an seiner Geldkammer zu schaffen machen. Er genießt das kurze Gefühl so berührt zu werden. Wie gern wäre er dann etwas menschlicher.

foto: danilo barsch

Liebesbrief an unbekannte Maschine
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…part 6 soon…

Metroland. Teil 4: Gedankenschnipsel - Chat

Ich setz mich weg. Scheißtyp. Kann eigentlich auch gleich stehen bleiben. Muss nächste sowieso raus. Umsteigen in die Sieben. Türmaul auf. Fastboy raus. Ein ausgekotztes Menschenkrümel. Was meint sie mit dieser verdammten Notiz? Ist die U-Bahn die Lösung? Sie ist hier. Muss hier sein. Ob sie mein Postpaket bekommen hat? Selbstgebastelt. Die mag sowas. Hat nichts drüber geschrieben. Dachte, es würde ihr was bedeuten. Gesammelte Gedankenschnipsel. Auch ne Art Gedicht. Im Schuhkarton. Hat so lange gedauert. Konnte doch nicht schlafen. Hab die Unruhe genutzt. Aufgeschrieben. Was ich denk. Was ich über sie denk. Dass ich sie kenne ohne zu kennen. Dass ich finde, wir sollten uns endlich sehen. Kein Date. Ein Meeting der Zappelkinder, der nervösen Nicht-Aufpassen-Könner, der Nachts-Nicht-Schlafen-Könner, der einsamen Nähe-Nicht-Ertragen-Könner, der Nähe-Aber-Suchenden.

Ich dreh mich um. Ein Mädchen steht am Fahrkartenautomat. Schwarze lange Haare. Weiße Kniestrümpfe zum schwarzen Kleid. Wachsweiße Haut. Mandelaugen. Sie spricht in den Geldschlitz. Was soll das denn? Es gibt also doch noch schlimmeres als ADHS. Die ist noch verrückter als ich. Die langen Wachsfinger tasten suchend den Automaten ab. Sie spricht. Irreale Sprache. Kann ich dir irgendwie helfen? Hör ich mich fragen. Sie starrt mich an. Erfasst kein Wort. Nichts. „Beep“ sagt sie. Bloß weg! Die ist nicht ganz dicht.

…part 5 soon…

Metroland. Teil 3b: Schweinegesichtiger Mann


Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.
Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,

und stand schon wie ein kleines Haus,
um das sich groß der Tag bewegt,

sogar allein.
Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.

Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.
Sie sieht es nicht, dass einer baut.
Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.
Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Die Vögel fliegen leichter um mich her.
Die fremden Hunde wissen: das ist der.
Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,
mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.
Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.
Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag
und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.


Rainer Maria Rilke, 14.10.1915, München
Wege mit Rilke, Lou Albert-Lasard. Frankfurt/Main 1952.


Schweinegesichtiger Mann hockt auf Gangplatz. Was guckt der Typ so eigenartig
zu mir rüber. Riecht bis hier nach Frittenfett. Oder ist das etwa Schweiß oder was?
Mann, wie der auch aussieht! Alberner kleiner Schnurrbart. Klebt wie ne Fellraupe
auf der Oberlippe. Möchtegern-Mafioso. Sind das Essensreste da? Der graubraune
Pullover von Schweinegesichtiger Mann ist mindestens eine Nummer zu klein. In
der Bauchgegend zieht er hässliche Falten. Ein dicker Fleck hat sich breitgemacht.
Er reicht vom Anfang des Halsausschnittes bis fast hinunter zu den hässlichen
Falten. Den Pullover hat sicher noch die Mutti rausgelegt. Er hält den braunen
Synthetikbeutel mit geflochtenen Henkeln fest in der wurstigen Hand.
Schraubstockgriff.
Da denk ich gleich an psychopatische Monstermörder, so sehen die sicher aus.
Der hat bestimmt Leichenteile da im Beutel. Mann, der starrt aber! Glubschaugen
hat der auch noch! Nicht grade gesegnet von Mutter Natur, hah! „Guck doch weg,
du Spanner!“ Schrei ich rüber zu Schweinegesichtiger Mann. Bei so was werd ich
echt zu Schlechtdraufboy.

…part 4 soon…

Metroland. Teil 3: Schweinegesichtiger Mann

Zugungeheuer 3 steht schon. Exakt Zehn Sekunden geöffnetes Türmaul. Es verschlingt mich. Ich komme zu den anderen Personenkrümeln, die nur drauf warten runtergespült zu werden. In die dunkle Röhre. Such in der Jackentasche. Hol den bekritzelten Zettel raus.


Wo ist Sie? Robin. Tauben. Wo war das noch? Die Erinnerung schleicht sich von hinten an mich ran und kriecht den Rücken rauf. Durchs Ohr in den Kopf. Kurzer erhellender Einfall. Ungreifbar. Wo verdammt ist sie? Was hat sie, dass mir gehört? Sie ist rot. Natürlich. Schwarz und blau. Scheißrätsel! Seit Ewigkeiten Chatten wir schon miteinander. Sie hat mich gefunden. Sie hat es auch. ADHS. Die Krankheit. Nennt mich Fastboy. Wegen der Krankheit. Manchmal Slowboy. Wegen dem Ritalin. Es bringt mir die Gelassenheit und Konzentration zurück. Ich bin dann wie einer dieser Manager auf Speed. Für mich ist sie Robin. Das heißt Rotkehlchen.


foto: danilo barsch


Schweinegesichtiger Mann hatte die Bratwurst, an der Ecke wo das Matratzengeschäft ist, fast im ganzen runtergewürgt. Er hat dabei gelesen „7% auf alle Schaumstoffauflagen!!!“

Er hat nicht auf den tropfenden Senf geachtet. Er wohnt noch nicht lang allein. Zweimal in der Woche treffen sie sich. Sie ist für ihr alter attraktiv und relativ groß. Die langen rotgefärbten Haare gepflegt. Hochgesteckt. Ihre Lippen unbarmherzig. Blutrot bemalt. Sie behandelt ihn dann wie immer. Wie Dreck. Einmal in der Woche ist Damenabend. Er geht mit. Er ist immer mitgegangen. Sie ist schließlich seine Mutter. Die Rommee Karten im Fächer. Gehalten von langen Nagellackkrallen. Er hatte schon immer Angst vor ihren Krallen, ihrem Blick. So kalt. Heute schwimmen. Tu’ was für deinen Körper, du fauler Sack! Du wirst immer fetter und unansehnlicher hat sie gesagt. Dabei kann er nicht anders sein. Er schlemmt ungesund. Wenn er nicht gerade baut. Sonst Fernsehen, Essen. „Schlangenfraß“ nennt das die Mutter. Nur wenn er baut ist er glücklich. Vergisst die Mutter. Vergisst, dass er keine Arbeit kriegen kann. „Unzureichende Qualifikation“ heißt es immer. Aber Menschen bauen kann er. Und Züge. Bäume. Häuser. Autos. Und alles funktioniert. Gerne würde er den blonden Jungen ansprechen. Der sitzt da drüben, schaut zu ihm rüber. Ihn  mitnehmen, nach Hause. So schön ist dieser schlanke Körper. „Blüte der Jugend“ denkt er sich. Er sieht blondes Haar unter dieser warmen kleinen Mütze. Doch da sieht er lieber weg. Rubbelt in Gedanken noch schnell den Fleck aus dem Pullover. Mutter wird ihn wieder strafend anschauen und den Kopf schütteln. Nur noch einen kurzen Blick nach gegenüber gönnt er sich noch. Schweinegesichtiger Mann könnte eine seiner Modelleisenbahnfiguren nach ihm gestalten. So blond. So Groß. So Schlank. Engelsgesicht. Da kann er dann gucken soviel er will. Die Eisenbahnwelt gehört ihm allein. Aber was denkt er da. Heute ist erst mal wieder Muttertreffen. In zwanzig Minuten vor der Schwimmhalle. Handtuch hat er dabei. Badehose auch. Vielleicht sieht Mutter den Fleck nicht, wenn er sich schnell genug umzieht. Dann Bahnenziehen im 25 Meter Becken. Er kann nicht gut schwimmen. Die Haubentauchermutter ist schneller. Er eher ein Stockfisch. Stocksteif. Unbeweglich. Mit nervösen, hervortretenden Krokodilsaugen. Die Krokodilstränen kommen zur Nacht. Dann wird ihm wieder alles bewusst.

…part 3b soon…