Der Platz bleibt hinter mir. Die Metroschlucht schwarzblau vor mir. Wieder abwärts. Diesmal mit überdimensionalem Förderband. Unten angekommen. Erstmal orientieren. Wo bin ich nochmal? Wo ist der Metroplan? Welches Gleis? Konzentration! Wo bist du? Schatten hasten vorbei. Hinter mir - alles schwarz. Vor mir – der Plan. Zusammenreißen! Also: Sie will gefunden werden. Warum? Weil sie mich mag. Ich mag sie auch. Sehr. Sie hat noch was von mir. Was? Keine Ahnung. Dann noch diese doofen Tauben. „Dort wo die Tauben fliegen.“ Hochtrabender geht’s wohl nicht? Wo könnte das sein? Verdammt! Labyrinth aus Linien und Nummern. Verschwimmendes Gewirr. Eine rote, eine blaue, eine schwarze Linie… Jetzt weiß ich’s! Das kann dort sein. Wo die Bahn nicht immer hält. Eine vor der Endstation. Mein Lieblingsplatz! Dunkel. Tiefhängend gewölbte Decken. Fliesen mit haarfeinen Rissen überzogen. Manche fehlen ganz. Gelb war die Wand vielleicht vor dreißig Jahren. Jetzt Mauern überzogen von fettigem Ruß. Es riecht nach Öl, Taubenscheiße und Abfall, Pisse auch. Bin irgendwie gern dort. Erleb die Ruhe. Kann die Tauben beobachten. Die sind immer dort. Können nicht mehr raus. Haben sich verflogen. Endstation Tunnelschacht. Sehen aus wie labbrige schwarze Marionetten. Gezogen an Fäden von unsichtbarer Hand. Die haben sich ihrem Schicksal ergeben. Dort muss sie also sein! Woher kennt die das? Ich hab endlich ein Ziel. Mein Lieblingsplatz. Der Knotenpunkt. Rot, Blau und Schwarz. Natürlich. Sie ist Rot wie Blut, Schwarz wie Teer, Blau wie der Himmel gespiegelt im Meer. Alle drei Linien - kreuzen sich genau dort. Mein Kopf kocht. Summen in den Ohren. 1234567890! Also hier fährt Linie Zwei - Rot. Werd schon ruhiger. Hab das Rätsel doch gelöst. Schlauberger! Los, los! Dreh mich um. Da steht jemand. Ganz plötzlich! Vor mir. Die versperrt mir den Weg. Diese große, dürre Frau. Mit giftigen Augen. Starrt mich an. Graues Haar. Graues Gesicht. Hinter ihr verschanzt - drei Kinder. Gucken wie geprügelte Hunde. Die fasst mich an. Ihre abgestumpften Finger an meiner Wange. Ich versteinere. Sie hebt die Arme. Graubraune, kratzige Wollmantelflügel.
„Ich sehe den Teufel in deinen Augen! Wir kämpfen für eine Regierung der Gerechten. Im Namen Jesu. Wir zerstören die Ungläubigen! Wir lassen den Herrn den heiligen Geist über uns bringen. Die Sünde startet klein und wächst bedrohlich an. Du bist ungläubiger Müll!“
redet sie los. Ferngesteuert. Bin unfähig mich zu bewegen. Glotz zurück. Faszinierend. Der personifizierte Wahnsinn. Sie ist sich ganz sicher, dass ich der verdammte Antichrist bin. Lustig. Vor der Ollen hab ich keine Angst. Die Hündchenkinder tun mir nur leid. Kleine Gespenster.
„Süßigkeiten machen dich krank, der heilige Geist ist gutes Fleisch es heilt dich!“ flüstern sie. Die Mutter, das kann nur die Mutter sein, schubst sie jetzt nach vorn.
„Leben im Namen Jesu! Satan im Namen Jesu lass ab von ihm!“
rufen sie in mein Ohr. Greifen mir dabei ins Gesicht. Ich riech den Weihrauch und ungewaschene Haut. Mir wird schlecht! Werd noch ganz taub! Was ist hier los? Ich dreh durch! Heute noch. Wenn ich nicht sofort
hier
abhaue!

foto: danilo barsch
Sie haben Gott vertraut, als der ihnen sagte, dass nur er allein die Welt retten könne. Sie sind heute mit der Mutter mitgegangen, um gottesleugnerische Menschen zu finden. Ungläubigen Müll. Unter der Stadt, wo sich der Abschaum sammelt. Mutter hat immer dafür gesorgt, dass sie zu Hause die beste Erziehung und den unschädlichsten Unterricht für ihr Leben erhalten. Die Lehre von Gott und Jesus dem Erlöser. Die Geschichte der Entstehung der Erde und des Menschen. Die Schöpfungslehre. Sie wurden unterrichtet, die Evolutionstheorie als das zu erkennen, was sie ist: Ein Lügenkonstrukt der ungläubigen. Gott schuf den Menschen. Dieser aß vom Baum der Erkenntnis und alles endete in Sünde und Tod. Die globale Erwärmung? Nur ein Hirngespinst der Politik. Es macht keinen Unterschied ob die Sommer nun 0,6 Grad wärmer sind als noch in den Jahren zuvor. Sie werden sowieso nicht mehr lange hier sein müssen. Sie werden bald mit Jesus gehen. Jesus kommt, um sie zu erretten! Die Bibel ist ihr höchstes Gebot. Sie sind schon einmal errettet worden. Gott rief sie, um Krieger zu werden. Das ist nun schon drei Jahre her. Damals im Bibelcamp der evangelikalen Christen. Kinder- und Jugendlager am Teufelssee. Mutter fuhr mit ihnen für drei Tage an diesen Ort der Erleuchtung und des gelebten Glaubens. Hallelujah! Die Pastorin hat Spaß gemacht. Sie hat mit den Kindern gesungen, hat mit ihnen getanzt. Dann hat sie gesagt, dass es nur zwei Gruppen von Menschen gibt. Die einen, die Jesus lieben und die anderen, die ihn nicht lieben. Außerdem sagte sie, würden viele von den jesusliebenden Kindern in der Schule verspottet, doch, was der Mensch sagt, ist vollkommen unwichtig. Heute wissen die Kinder: Gottes Entscheidung allein ist das, was zählt! Auch wenn die anderen in der Schule denken, dass diese Kinder seltsam sind. Egal! Denn die Ungläubigen werden nicht entscheiden, ob sie eines Tages in die Hölle oder in den Himmel kommen. Nur was ER von ihnen hält zählt. Die Pastorin hatte sie weiterhin gefragt: „Tell me who’s in the house?“ Darauf wussten alle Kinder die Antwort “J.C.!“ Gott war es auch, der wollte dass sie heute zusammen, als Familie, zu diesem Jungen hingehen. Sie müssen besonders darauf achten, dass sie es auch nur für Gott machen. Sie müssen wirklich noch an sich arbeiten. Doch auch andere machen diesen Fehler schon mal. Sie sollen dem Jungen sagen, dass Gott bei ihm ist. Gott will, dass der Junge ihm mit ganzem Herzen folgt. Und sie müssen ihm mitteilen, dass der Herr ganz besondere Pläne mit ihm hat. Sie werden lange dankbar an diesen Tag zurückdenken. Denn auch wenn der ketzerische junge Mann heute aggressiv und verwirrt reagiert, so wird doch eines Tages die Stunde für die Rechtschaffenden schlagen. Sie werden errettet! Sie sind die Generation der Reinheit, Ehrenhaftigkeit und Heiligkeit. Sie sind der Schlüssel für Jesus´ baldige Rückkehr. Sie werden dem Herrn jeden Tag dienen. Sie werden im heiligen Krieg, im Namen Jesu, als Märtyrer sterben. Für eine bessere Welt. Denn als Kinder sind sie lediglich eine Leihgabe Gottes und ihre Mutter wird sich vor Gott für die Erziehung ihrer Kinder verantworten müssen.
„Und aus den Mündern der Kleinsten wird das Lob des Herrn kommen, dass die Feinde verstummen lässt!“
(alle Zitate)
…part 10b soon…